Nachlese 3. ARTIE-Fachkongress

 

Mehr als 250 Teilnehmer, zwei Vorträge, vier Themenforen, neues Konzept und viel Lob: Der dritte Kongress in der Stadthalle in Osterholz-Scharmbeck war die bisher beste Veranstaltung der ARTIE dieser Art. Da waren sich Organisatoren und die meisten Besucher einig. „Wir haben sehr positive Resonanz bekommen“, sagt Artie-Koordinator Siegfried Ziegert. Er zog ein positives Resümee.

Der ARTIE-Kongress ist ein gutes Werkzeug, um Wirtschaftsförderer, Verwaltungen, Unternehmen und Wissenschaft in Kontakt zu bringen. Wie sehr der Kongress geschätzt wird, mag an der Teilnahme des Niedersächsischen Wirtschaftsminister Olaf Lies abgelesen werden, der zum zweiten Mal zum ARTIE-Fachkongress und bisher alle Schirmherrschaften für den ARTIE-Innovationspreis übernommen hat.

Erstmals hatte sich der Bremer Bürgermeister Dr. Carsten Sieling auf den Weg gemacht, um sich anzuschauen, was sich außerhalb seiner Stadt tut.

Obwohl es bei dem Kongress hauptsächlich um die schnell voranschreitende Digitalisierung der Welt ging, setzten die Verantwortlichen auf persönliche Begegnung, Kontakt und Austausch. Immer noch ein funktionierendes Konzept, wenn es gilt, das ARTIE-Netzwerk zu stärken und auszubauen.

Ein Blick in das Tagesprogramm zeigt, wie fokussiert und dicht der Tagungstag war. In sieben Stunden konnten die Teilnehmer sich bei drei Vorträgen, vier Talkrunden, Gesprächen und Standbesuchen umfangreich informieren. „Mehr Input geht kaum“, fand Antje Diller-Wolff, die nicht nur durch das Programm führte, sondern auch die Moderation der vier Gesprächsrunden übernommen hatte.

Im Fokus des Kongresses stand die digitale Transformation. Ein weiteres genanntes Stichwort war Industrie 4.0. Die Suche nach einem guten passenden Weg zur Umsetzung sind eine große Herausforderung für Unternehmen in Deutschland. Eine passende Strategie ist notwendig. Ohne Partner und Unterstützung können kleine und mittlere Unternehmen diese Aufgabe kaum schaffen. Der Kongress richtete sich deshalb auch an Wirtschaftsförderer und kommunale Verwaltungen, die solche Unternehmen unterstützen. Bildeten sie bei den ersten beiden Veranstaltungen noch den größten Anteil der Teilnehmer, haben die Unternehmen die Möglichkeiten offenbar für sich entdeckt. „Es waren viel mehr Firmenvertreter als in der Vergangenheit hier“, freut sich Ziegert.

Bewährt hat sich das neue Konzept. Die bisherigen Foren mit Vorträgen wurden durch vier Talkrunden ersetzt, an denen jeweils unterschiedliche kompetente Gesprächspartner auf der Bühne über die Themen „Digitalisierung in der Praxis“, „Maschinen werden künftig unsere Kollegen sein“, „Industrie 4.0 als Herausforderung“ und „Intelligente Wissensmanagementinstrumente“.

 

Das hatte den Vorteil, dass die Teilnehmer den gesamten Kongress verfolgen konnten. Bei den Vorgängern mussten sie sich für eines der zeitgleich stattfindenden Vortragsforen entscheiden. Zudem wirkten die Gespräche lockerer. Weil vier Gesprächsteilnehmer über ein Thema diskutierten, gab es eine mehrschichtige Sicht auf die Themen.

 

Doch worum ging es? Begriffe wie Industrie 4.0, Digitalisierung und Breitbandversorgung sind nicht nur in der Geschäftswelt allgegenwärtig. Neben dem Datenaustausch, der Informationsgewinnung, der Speicherung von Daten und deren Analyse, geht auch um kreative Ideen. Deutsche Firmen und Verwaltungen können nicht die Augen vor dieser Entwicklung verschließen. Sie ist schwer voraussagbar – aber sie ist nicht aufzuhalten.

Nur eines wurde deutlich: Deutschland darf nicht den Anschluss verlieren. Es bleibt viel zu tun. Und da hat unser Land Nachholbedarf. Das liege unter anderem an der Skepsis der Menschen gegenüber Neuem, Angst vor Veränderungen und der guten ökonomischen Situation, glaubt Olaf Lies. Letztere lasse ein Gefühl von Sicherheit aufkommen, was den Blick auf Notwendiges mitunter verschleiere. „Unternehmen können es sich nicht leisten, auf Innovationen zu verzichten“, sagte Lies. Es gebe keinen anderen Weg. Die Politik müsse die Transformation mit guter Infrastruktur unterstützen. Lies: „Wir brauchen einen Ausbau der Breitbandversorgung.“ Ohne Glasfasertechnik sei das wenig sinnvoll. „Dieser Punkt muss uns gelingen“, so Lies.

Referent Willi Kaczorowski betitelte den derzeitigen Zustand mit Raten von 50 MB provokant als Mickey-Mouse-Internet. Es ist richtig die jetzigen Möglichkeiten zu nutzen, aber für die Zukunft wird viel mehr gebraucht!

Bei allen technischen und ökonomischen Themen, gab es eine weitere Seite, die sich wie ein roter Faden durch den Tag zog: Menschlichkeit und Soziales. Viele Arbeitnehmer fürchten schon um ihren Arbeitsplatz. Die Vorstellung, dass Roboter Menschen in der Werkhalle über-flüssig machen könnten, liegt auf der Hand. Kaum ein aktiver Teilnehmer verzichtete auf den Hinweis, dass die Menschen und Mitarbeiter mitgenommen werden müssen. „Es können nicht nur junge Mitarbeiter für neue Technik begeistert werden“, glaubt Paul Bloem von der Meyer Werft. Auch bei älteren Mitarbeitern sei oft Akzeptanz vorhanden. Zudem könnten technische Lösungen, wie Exo-Skelette, Menschen mit körperlichen Problemen in Produktionsprozesse einbinden, was aufgrund des demografischen Wandels nötig sein dürfte. Die Experten machten Mut. Obwohl die Anforderungen an Mitarbeiter steigen werden, sind sie optimistisch, was den Arbeitsmarkt angeht. Gleichwohl könnte es notwendig werden, soziale Sicherheitskomponenten, wie beispielsweise ein Grundeinkommen einzuführen.

Die Vergabe eines ARTIE-Innovationspreises an das Unternehmen mapapu unterstreicht die menschliche Seite des Kongresses. Das kleine Unternehmen macht aus Kleidung von Familienangehörigen, die gestorben sind, Kuscheltiere als Seelentröster. „Wir machen Menschlichkeit 4.0“, bemerkte Mitinhaberin Jennifer Arndt-Lind. Entgegen vorheriger Skepsis hätte sie sich beim Kongress sehr wohl gefühlt.

Prof. Dr. Burkhard Funk, der derzeit in den USA im Silicon Valley lebt, hielt einen Vortrag per Videoverbindung und schilderte seine persönlichen Eindrücke von dem Ort, dem die höchste Kreativität und Innovation zugesprochen wird. Er riet, sich einmal dort umzusehen. Die Skepsis gegenüber neuen Dingen sei kaum zu spüren. Deutsche Schulen ließen Kindern meist zu wenig Raum für Kreativität. Hier gehen Potenziale verloren.

Trotzdem findet Olaf Lies, Deutschland und Niedersachsen seien auf dem richtigen Weg. Die Anstrengungen müssten aber weiter gehen. Der schnelle Wandel lasse keine Zeit zum Verweilen. Die Transformation sei Risiko und Chance zugleich.

Lies hatte wieder die Schirmherrschaft für den Artie-Innovationspreis übernommen. Neben mapapu wurden die Firmen ficonTec (Digitalisierung), Power Innovation (Energie- und Ressourceneffizienz), Teichert Systemtechnik und Thomas Holding (beide für innovative Zusammenarbeit) als Sieger gekürt. Aus dem Landkreis Osterholz waren überdies die Unternehmen „DIE HINNERKS“ und XQUAND für den ARTIE-Innovationspreis nominiert worden.